Über Schallwaffen


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(Interview in: Der Freitag No. 46/2014, S. 15; das Interview führte Katja Kullmann)

Der Freitag: Jeden Tag sehen wir Bilder von kriegerischen Auseinandersetzungen. Wenn von Waffen die Rede ist, geht es heute meist um Drohnen. Aber Sie beschäftigten sich als Wissenschaftler mit einem ganz anderen, noch recht neuen Kampfgerät: Schallwaffen. Das klingt nach Science Fiction. Bitte erklären Sie, womit wir es da zu tun haben.

Holger Schulze: Ja, Schallwaffen oder ›Sonic Warfare‹, wie die Amerikaner deren Gebrauch nennen, sind längst in Gebrauch, schon seit den Nullerjahren. Sie wurden etwa im Irak-Krieg eingesetzt, auch bei den Anti-G20-Demonstationen in Pittsburgh 2009. Ursprünglich wurden sie gegen Seepiraten entwickelt. Sie fallen ins Feld der ›non lethal weapons‹, der nicht tödlichen Waffen, so wie Tränengas oder Elektroschocker. Sie setzen den Feind oder Störenfried zwar auch über größere Distanzen außer Kraft, aber er stirbt eben nicht. Sogenannte Soundkanonen erzeugen einen hohen Schalldruck, der punktuell und gezielt, in der Fachsprache heißt es ›gerichtet‹, abgegeben wird. Man kann es mit einem Laserstrahl vergleichen.

Was bewirkt dieser Schalldruck?

Stellen Sie sich vor, dass völlig überraschend, aus unbekannter Richtung eine Schallwelle von 150 oder 180 Dezibel, vielleicht sogar höher auf Sie eindröhnt. Das ist, als würde man direkt neben einem Düsentriebwerk stehen, extrem laut. Und wirklich schmerzhaft. Es führt unmittelbar zu einer Angstreaktion, einem Adrenalinschock. Und dazu, dass man sich automatisch die Ohren zuhält. Die Entwickler dieser Waffen nennen das etwas sardonisch ›akustische Handschellen‹. Jemand, der sich die Ohren zuhält, kann ja nichts anderes mehr tun, kann selbst keine Waffen halten, kein Megaphon bedienen. Zuletzt wurde das bei den antirassistischen Demonstrationen in Ferguson wieder erprobt.

Auch die kanadische Polizei setzt die Methode mittlerweile ein. Im US-Bundesstaat Pennsylvania klagt eine Demo-Teilnehmerin jetzt wegen bleibender Schäden.

Wenn man ganz gezielt sehr tiefe Wellen, etwa sehr starke, ruppige Bassklänge, direkt auf Ihren Torso richtet, resonieren Ihre Organe, sie schwingen mit, werden erschüttert. Oder wie man gerne bei Bassklängen aus dem Subwoofer sagt: Das geht Ihnen in den Bauch. Schwallwellen sind nichts anderes als Molekülanregungen, Dinge werden physisch weiterbewegt. Das ist dann doch etwas ganz Materielles – ein ziemlich brachialer Schlag aus der Ferne. ›Long Range Acoustic Device‹, LRAD, lautet der technische Überbegriff für die entsprechenden Geräte. Ausgesendet werden die Wellen von einer Art Parabolantenne. Letztlich wird die Luft, die zwischen dem Gerät und Ihnen liegt, als Medium der Gewalt genutzt.

Das klingt wirklich nheimlich.

Das Perfide ist: Diese Waffen hinterlassen keine Spuren, ihr Einsatz ist kaum nachzuweisen. Unsere anatomische Bedingtheit wird dabei gegen uns verwendet. Der Körper geht sofort in Alarmbereitschaft. Wir verfallen instinktiv in Panik, bekommen heftige Kopfschmerzen, uns wird sofort sehr schlecht. Es kann so weit gehen, dass es zu inneren Blutungen kommt, dass etwa die Milz ernsthaft beschädigt wird. Abgesehen davon, dass natürlich auch das Ohr kaputt gehen kann. Diese Folgen aber sind noch wenig erforscht.

Der wichtigste Hersteller dieser Waffen scheint die American Technology Corporation zu sein. Von dort heißt es, dass Schallwellen gegen Schädlinge in der Landwirtschaft sehr gut wirken. Das ist besser als Pestizide, oder?

Genau das ist ein Problem: Dass die wichtigste Waffenfirma ein penetrantes Greenwashing betreibt, indem sie den zivilen Nutzen dieser Technologie zu betonen versucht. Eines der für die Landwirtschaft vorgesehenen Geräte wird ›Moskito‹ genannt, weil es sehr hohe Frequenzen aussendet. Es soll gegen Nagetiere und größere Insekten wirken. Wenn man ein ganzes Feld oder eine Plantage beschallt, ist der Schall aber nicht linear, sondern sphärisch, in die Breite ausgerichtet. Er strahlt dann auch in die umliegenden Häuser. Da wir als Menschen die hohen Frequenzen nicht hören können, sollen sie nicht schädlich sein. Aber Steve Goodman, britischer Klangforscher und Gründer des Musiklabels Hyperdub, berichtete schon 2010 in seinem Buch über den Sonic Warfare von amerikanischen Eigenheimbesitzern in ländlichen Gebieten, die plötzlich über starke Migräne klagten. Abgesehen davon weckt auch der Ungeziefer-Begriff üble Assoziationen. Mit Schallwaffen können missliebige Personen, Obdachlose oder laute Jugendliche von öffentlichen Orten vertrieben werden, wie Ungeziefer.

Das ganze Interview:
Die Luft wird zur Waffe (aus: der Freitag Nr. 46/2014, S. 15)