Die Exotik des Laborhörens


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Die maßgebliche Hörstudien wurden und werden an ruhig und hinreichend besonnen dasitzenden sowie detailliert zuhörenden Probanden durchgeführt, in ebenso hinreichend ruhigen Laboratorien zwischen Büro- und Seminarräumen: hingebungsvoll und allein konzentriert auf Klänge, die als zu bewertende Signale durch Kopfhörer direkt gesendet werden könn(t)en. Hörsituationen des Sitzens und Hörhaltungen eines prüfenden Hörens werden damit unwillkürlich als grundlegend angenommen. Sie geraten zur impliziten Norm – allein aufgrund ihrer schlichteren Reproduzierbarkeit in Experimentalkulturen. Solches Hören aber ist exotisch. Es findet vor allem in Laborsituationen statt – bzw. in laborartig inszeniertem Experten- und Kennerschaftshören.

Die alltägliche, vielfach durchmischte Hörsituation aber ist gekennzeichnet von Überraschung und Nichtkonzentration. Überraschend werden Nichthörende ertappt von Klängen, die sie erst in diesen Schockmomenten vielleicht zu Hörenden machen: indem sie aus unvorhersehbarer Richtung, in kaum zu berechnender Lautstärke und wenig konsistenter Mischung (aus aufgezeichneten, indirekten und direkten Quellen) heranjagen. Dieser Kontrast zwischen konstruiertem Forschungsansatz und zu beforschender Wirklichkeit zeigt, wie merkwürdig verstörend und unwirklich statisch das Hören in einer Laborsituation ist vor diesem Hintergrund komplexester Vorgänge perzeptiver Remanenz, der Kinästhetik, der Körperlichkeit und der idiosynkratischen Vorstellungswelten Einzelner. Das Laborhören, der Hearing Test, so ist festzustellen, muss als eine außerordentlich exotische und – mehr noch im globalen und historischen Vergleich – eine skurril einzigartige Sonderform des Hörens in sich selbst verstanden werden.


(Auszug aus: Holger Schulze, Die Idiosynkrasie der Sinne. Wissensgeschichte und Institutionskritik einer Anthropologie des Klangs, in: Britta Herrmann (Hg.), Anthropologie und Ästhetik. Interdisziplinäre Perspektiven, Wilhelm Fink Verlag München 2015)