Der Klang der Bibliothek


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(Interview in: BuB – Forum Bibliothek und Information Nr. 12/2015, S. 766; das Interview führte Dirk Wissen)

Forum Bibliothek und Information: Was gehört denn zum guten Ton einer Bibliothek?

Holger Schulze: Eine schöne Doppeldeutigkeit. Akustisch bedeutet dies, Raum zu geben für die verschiedenen Nutzungsformen und ihre Klänge: dem konzentrierten Atmen ebenso wie dem Luftholen, sich ausschütteln, den Räumen zum Spielen, Plaudern und Flirten, zum Brötchenessen. Zum guten Ton im Doppelsinne gehört, dass einerseits die Bibliotheksnutzer ein Gespür dafür entwickeln können, wo sie ruhig
sein sollten und wo dies eher nicht so erforderlich ist, andererseits können Architekten und Bauherrn, auch Bibliothekare, ihr geübtes Gespür ausspielen, genau solche Bereiche zu schaffen.

Können Sie Bibliotheken bezüglich ihres positiven oder negativen Klangs benennen?

Akustisch problematisch ist die Bibliothek der FU Berlin. Dieser Bau bietet eine beeindruckende Optik, die sich wunderbar in den Marketingfotografien der Hochschule bewerben lässt. Sie ist positiv rund, hell, frisch. Was aber auf dem Bild zu sehen ist, ist vor Ort nicht zu erleben. Vor Ort ist es kaum möglich, ein Wort zu wechseln, das nicht umfassend überallhin im Raum reflektiert, alles hallt sofort wider. Ruhiges Arbeiten ist somit nur erschwert möglich. Als positives Beispiel fällt mir die Königliche Bibliothek in Kopenhagen ein. Sie ist von außen und innen optisch eminent und fungiert selbst als Werbelogo in Form eines schwarzen Diamanten. Sie bietet differenzierte Lese- und Arbeitszonen zum Lesen, Plaudern und Wandeln.

Heute lassen sich Ohrstöpsel wie Kaugummis in Bibliotheken aus dem Automaten ziehen. Hilft das?

Mit Ohrstöpseln ziehen sie sich gewissermaßen in ihren persönlichen Kokon zurück. Die Sitznischen und Hörsofakapseln tun das Gleiche, in einer Bibliothek meiner Hochschule werden Hängematten als Leseplätze angeboten – und Sie können sich auch Noise-Cancelling-Headphones anschaffen, aktive Kopfhörer, die störenden Schall physikalisch subtrahieren durch Gegenschall. Sie erzeugen also eine Insel um sich herum, wie in den kleinen stillen Kammern, die manche Bibliotheken für konzentriertes Schreiben anbieten. Manchmal aber braucht man genau diese Geräusche, um sich wohl zu fühlen. Der Springbrunnen in der Eingangshalle der Stadtbibliothek Stuttgart etwa bietet einen leicht unvorhersehbaren Strom an Rauschen, der unangenehme Stille maskieren hilft.

Das ganze Interview:
Der Klang, das Geräusch, der gute Ton (aus: BuB – Forum Bibliothek und Information Nr. 12/2015, S. 766)